Demut, Gerechtigkeit und Inklusion in der Mission

5.10.12

Bischof Geevarghese Mor Coorilos, Vorsitzender der ÖRK-Kommission für Weltmission und Evangelisation.

In einer Welt, in der das Verständnis der christlichen Mission sich schnell verändert, erklärt Bischof Geevarghese Mor Coorilos, Vorsitzender der Kommission für Weltmission und Evangelisation (CWME) des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), welche Bedeutung die neuen Visionen der ÖRK-Missionserklärung für die Kirchen haben.

 

In einem Interview, das im Rahmen der Tagung des ÖRK-Zentralausschuss auf Kreta, Griechenland, geführt wurde, sprach er über die Missionserklärung, die vom Zentralausschuss im September dieses Jahres angenommen wurde.


Was steht in der neuen Missionserklärung und was will sie erreichen?


In der neuen Missionserklärung des ÖRK „Gemeinsam für das Leben: Mission und Evangelisation in sich wandelnden Kontexten“, die von der CWME erarbeitet wurde, geht es darum, eine Vision, Konzepte und eine Orientierung für ein erneuertes Verständnis und eine neue Praxis in der Mission und Evangelisation inmitten des sich wandelnden globalen Kontexts zu suchen.

 

Seit der Internationale Missionsrat auf der Vollversammlung 1961 in Neu-Delhi in den ÖRK integriert wurde, gab es nur eine offizielle Missionserklärung und das war 1982. Da sich der globale Kontext seither grundlegend verändert hat, war es überfällig, sich die weltweite Situation und die Auswirkungen auf die Mission und Evangelisation neu anzuschauen.

 

Die Erklärung will zu einem kreativen Reflektieren über Mission anregen und die Mitgliedskirchen und Partnerorganisationen des ÖRK ermutigen, über ihre Praxis nachzudenken. Außerdem gehen wir davon aus, dass die neue Erklärung eine neue Anerkennung der Mission der Trinität („mission trinitatis“) und insbesondere der „Mission des Heiligen Geistes“, des „Lebensspenders“ fördern wird. Anders ausgedrückt: Sie will eine neues Verständnis einer prophetischen Missiologie zum Ausdruck bringen, die das „Leben“ in seiner Fülle mit Blick auf Gerechtigkeit, Inklusion und die Bewahrung der Schöpfung bekräftigt.


Welche Bedeutung wird die Missionserklärung für das Leben der Kirchen haben?


Wir hoffen, dass die neue Missionserklärung große Auswirkungen auf das Leben der Kirchen haben wird, da sie sich mit der seit 1982 veränderten und der sich weiterhin verändernden kirchlichen Landschaft des weltweiten Christentums beschäftigt. Einige der Veränderungen, mit denen sich die Missionserklärung beschäftigt, sind die Verlagerung des Schwerpunktes des Christentums vom globalen Norden in den globalen Süden und Osten, der umfassende Einfluss neoliberaler Wirtschaftsideologien, die Auswirkungen von Migration, neue Formen der Unterdrückung von Mensch und Natur, neue Arten, Kirche zu sein, und das explosionsartige Wachstum von Pfingstkirchen und charismatischen Kirchen.

 

Die Erklärung wird den Mitgliedskirchen helfen, ihren ekklesialen und sozialen Kontext aus einer zeitgenössischen missionstheologischen Perspektive heraus zu verstehen. Die neue Missionserklärung, in deren Zentrum die Schöpfung (das Leben) steht, wird die Kirchen herausfordern, ihre Rolle als „Dienerinnen“ (anstatt „Gebieterinnen“) in Gottes Mission anzunehmen, und Mission NICHT als Form des Kolonialismus, des Expansionismus und des Triumphalismus zu verstehen. Sie wird auch Auswirkungen darauf haben, wie die Kirchen Evangelisation betreiben, denn die neue Erklärung setzt sich für eine „authentische Evangelisation“ ein, die die Werte Demut, Gastfreundschaft, Gerechtigkeit, Inklusion und den Dialoges des Lebens bekräftigt.

 

Die Erklärung wurde in viele verschiedene Sprachen übersetzt. Zudem wird die CWME einen Leitfaden erarbeiten, der für die Ausbildung von Missionaren und Predigern durch die Mitgliedskirchen, Partner- und Missionsorganisationen benutzt werden kann. In der Tat ist die große Aufmerksamkeit, die die Missionserklärung schon jetzt von verschiedenen Seiten, darunter auch ÖRK-Mitgliedskirchen, erhalten hat, eine Ermutigung für uns.

 

Die CWME wird die ÖRK-Mitgliedskirchen und Partnerorganisationen bitten, zu berichten, wie die Erklärung in ihrem jeweiligen Kontext aufgenommen und umgesetzt wird. Über diese Gedanken und Maßnahmen wird noch vor der Vollversammlung in Busan in der „International Review of Mission“ berichtet werden.


Warum ist die Schwerpunktsetzung auf die „Mission von den Rändern her“ so wichtig?


Der Abschnitt „Geist der Befreiung: Mission von den Rändern her“ steht im Zentrum der neuen Missionserklärung. Er ist so enorm wichtig, weil die „Mission von den Rändern her“ tatsächlich eines der bedeutendsten Elemente der Erklärung ist. Was die neue Missionserklärung auszeichnet, ist die Bekräftigung der Handlungsoptionen von Menschen am Rand der Gesellschaft in der Mission. Es geht um die „Mission von den Rändern her“, nicht um „Mission zu den Rändern hin“, ja nicht einmal um „Mission an den Rändern“, die die Armen und Marginalisierten als Empfänger von Almosen behandelt.

 

Dieses Missionsverständnis bekräftigt, dass die Menschen am Rand der Gesellschaft eine besondere Gabe haben, lebenbejahende von lebensverneinenden Kräften zu unterscheiden. Sie haben die einzigartige Möglichkeit, „zu sehen, was außerhalb des Blickfeldes der Menschen im Zentrum der Gesellschaft liegt“. Die Erklärung setzt sich ein für Gerechtigkeit, Solidarität und Inklusion als zentrale Ausdrucksformen der Mission, die von den Rändern der Gesellschaft ausgeht.

 

Der prophetische Aspekt der Erklärung liegt ebenfalls in der absoluten Ablehnung der Vergötterung des Mammons in einer Welt der freien Marktwirtschaft. Es ist eine missionstheologische Bekräftigung, dass die bisherigen „Empfänger“ der Mission ihren Status als Akteure und Urheber von Mission zurückfordern, und in diesem Sinne ist diese neue Erklärung bahnbrechend.

Welchen Beitrag leistet die Erklärung zum Thema der ÖRK-Vollversammlung in Busan?


Es gibt viele Parallelen zwischen den Schwerpunkten der neuen Missionserklärung und dem Thema der ÖRK-Vollversammlung in Busan, „Gott des Lebens, weise uns den Weg zu Gerechtigkeit und Frieden“. Was die beiden verbindet, ist der Fokus auf das Leben. Das von Gott durch Christus versprochene Leben, ein Leben in Fülle, setzt Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung voraus.

 

Das Thema der Vollversammlung in Busan und die Schwerpunktsetzung der neuen Missionserklärung wollen ein ganzheitliches Verständnis des Konzeptes „Leben“ fördern. Wir glauben, dass der Aufruf und die Ausrichtung des Themas der Vollversammlung in vielerlei Hinsicht „missionarisch“ sind. Daher ist die Missionserklärung mit ihren tief gehenden theologischen Reflexionen über eine „lebensbejahende Mission“ ein Beitrag der CWME zur ÖRK-Vollversammlung.

 

[897 Wörter]

Vollständiger Text der CWME-Erklärung zu Weltmission und Evangelisation

 

ÖRK-Kommission für Weltmission und Evangelisation