Glaubensgemeinschaften müssen Schutzraum für Diskussionen schaffen

24.01.12

Von links nach rechts: Elijah Fung aus China, Pater Bernard Ugeux aus der Demokratischen Republik Kongo und Dr. Vijay Aruldas aus Indien bei der ÖRK-Konsultation „Geschützte Räume – Glaubensgemeinschaften verwandeln“

„Kirchen sollten nicht davor zurückschrecken, sich mit Gesundheitsfragen zu beschäftigen. Je mehr wir uns dieser Diskussion verweigern, desto stärker begünstigen wir letztlich eine Kultur des Schweigens“, erklärte Schwester Dr. Elizabeth Vadakekara aus Indien, Vertreterin der Missionsärztlichen Schwestern in London.

 

Vadakekara sprach auf einer Konsultation des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) zum Thema „Geschützte Räume – Glaubensgemeinschaften verwandeln“, die vom 16. bis 18. Januar im Ökumenischen Zentrum in Genf stattfand.

 

„Wir müssen einen offenen und inklusiven Dialog über Fragen der psychischen und physischen Gesundheit führen, damit wir geschützte Räume anbieten können, in denen Gemeinschaften ihre Anliegen in einer Atmosphäre des gegenseitigen Respekts und Vertrauens vorbringen können“, fügte sie hinzu.

 

An der Veranstaltung nahmen 25 Vertreter/innen von Kirchen und kirchlichen Einrichtungen aus aller Welt teil, die Fachkenntnisse aus Gebieten wie Gesundheitsversorgung, Genderfragen, Menschenrechte, Advocacy-Arbeit gegen sexuelle Gewalt und HIV/AIDS einbrachten.

 

Die Konsultation, die vom ÖRK-Programm Gesundheit und Heilen zusammen mit Frauen in Kirche und Gesellschaft und Jugend in der ökumenischen Bewegung initiiert worden war, verfolgte das Ziel, Tabus im Zusammenhang mit Krankheiten zu hinterfragen, sich für die Schaffung von Orten zu engagieren, an denen heikle und hochsensible Fragen in einer Atmosphäre des Vertrauens ohne gegenseitige Verurteilung diskutiert werden können, und Kirchen bei der Schaffung solcher geschützter Räume in ihren Gemeinschaften zu unterstützen.

 

Die Teilnehmenden diskutierten über ein breites Spektrum von Fragen, die von psychischer Gesundheit, Krebs, Tod, Stigmatisierung durch Krankheit bis hin zu Sexualität, sexueller Gewalt und Missbrauch reichten. Sie beschäftigten sich mit mehreren Fallstudien und setzten sich mit den komplexen Bedingungen und Schwierigkeiten auseinander, mit denen Gemeinschaften im Umgang mit Gesundheitsfragen konfrontiert sind.

 

Die Notwendigkeit, innerhalb von Familien, Gemeinden und Gemeinschaften geschützte Gesprächsräume zu schaffen, wurde betont. Dies, so die Teilnehmenden, gelte auch auf für Regierungen und Führungszirkel, die durch positive Entscheidungen und Maßnahmen einen grundlegenden Beitrag zum Aufbau gesunder Gemeinschaften leisteten.

 

Glaubensgemeinschaften verwandeln

 

Die Teilnehmenden schlugen einen Bewertungsrahmen für die Selbstbeurteilung mit Blick auf  Schutzräume in Gemeinschaften und Kirchen vor. Ferner empfahlen sie Richtlinien für die Unterstützung von Glaubensgemeinschaften im Prozess, offene und inklusive Gemeinschaften zu werden, die sich gegenseitig Rechenschaft ablegen.

 

Es wurden auch unterschiedliche ethische und theologische Perspektiven im Blick auf die Schaffung geschützter Räume aufgezeigt. Die Teilnehmenden verwiesen auf das in Kirchen und Gemeinden bereits bestehende Potenzial für Bildungs- und Aufklärungsarbeit, wie Jugend-, Frauen- und Männergruppen, Kindergottesdienste und Sonntagsschulen, Seminare, interkonfessionelle und interreligiöse Zusammenarbeit.

 

„Die Auseinandersetzung mit Gesundheitsfragen kann in Glaubensgemeinschaften sehr leicht zu Spaltungen führen“, erklärte Dr. Manoj Kurian, ÖRK-Programmreferent für Gesundheit und Heilen.

 

Daher, so Kurian, „ist es von entscheidender Bedeutung, im Umgang mit solchen Fragen einen offenen und inklusiven Ansatz zu praktizieren. So kann der Boden dafür bereitet werden, dass Gemeinschaften sich positiv verwandeln“.

 

Der Konsultation gelang es, heikle Themen, wie sexuellen Missbrauch in der Familie, Vergewaltigung und menschliche Sexualität, offen auf den Tisch zu legen und zu diskutieren.

 

Nicqi Ashwood, eine Teilnehmerin aus Jamaika, bezeichnete die Veranstaltung als Erfolg. „Solche Dialoge nehmen die Kirchen als Raum des Vertrauens und der Rechenschaftspflicht, der körperliche, seelische und spirituelle Sicherheit stärkt, stärker in die Verantwortung“, betonte sie.

 

„Die Kirchen müssen ein Raum sein, in dem ausgegrenzte Menschen mit Mitgefühl unterstützt werden können und in dem ein Prozess der positiven Verwandlung möglich ist“, erklärte Ashwood, die für den Karibischen und Nordamerikanischen Missionsrat tätig ist.

 

Die Konsultation arbeitete auch spezifische Richtlinien für einen Strategieprozess zur Förderung geschützter Räume innerhalb von Glaubensgemeinschaften aus.

 

Geschützte Räume in Glaubensgemeinschaften sind von zentraler Bedeutung, um Heilung zu ermöglichen und den Weg zu einer Welt der Gerechtigkeit und des Friedens aufzuzeigen. Daher wird diese Initiative auch einen Beitrag zu den Vorbereitungen für die 10. Vollversammlung des ÖRK leisten, die 2013 in Busan (Korea) stattfinden und dem Thema „Gott des Lebens, weise uns den Weg zu Gerechtigkeit und Frieden“ gewidmet ist.

 

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