Ökumenische Reaktion auf HIV und sexuelle Gewalt in Angola

27.09.12

Pastorin Josefina Ilda Cussinja Sandemba. © Mateus Jaime Jacinto

Im Rahmen der Ökumenischen HIV und Aids Initiative in Afrika (EHAIA) des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) hat sich Pfarrerin Josefina Ilda Cussinja Sandemba mit der Weiterentwicklung von Reaktionen auf die HIV-Pandemie und sexuelle und geschlechtsbezogene Gewalt in Angola befasst.

 

Sandemba, eine ordinierte Pfarrerin der Evangelischen Kongregationalistischen Kirche in Angola leitet eine Gemeinde mit 1500 Mitgliedern in der Stadt Viana. Sie hat sich an der Arbeit des Frauenreferats des Rats der Christlichen Kirchen in Angola (CICA) beteiligt und arbeitet zur Zeit eng mit dem in Luanda ansässigen portugiesischsprachigen Regionalbüro der EHAIA zusammen.

 

Im folgenden Interview lässt sie uns teilhaben an ihren Überlegungen zur Reaktion der Kirchen auf die Probleme der HIV-Pandemie in Angola und auf regionaler Ebene.

 

Wie wirkt sich die HIV-Pandemie auf die örtlichen Gemeinschaften in Ihrer Umgebung aus?

 

Im Blick auf unsere Situation vor Ort möchte ich zwei Aspekte der Verbreitung von HIV-Infektionen hervorheben, die unsere Gemeinschaften gefährden.

 

Der erste Aspekt bezieht sich auf den Zugang zur Gesundheitsversorgung. Die Geburtenabteilungen in unseren Krankenhäusern sind immer voll von Frauen mit Fehlgeburten und Abtreibungen (meistens als Folge von häuslicher Gewalt), Verletzungen durch sexuelle Gewalt und chirurgischen Eingriffen bei jungen Müttern.

 

Es gibt nur wenige Krankenhäuser mit professionellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und entsprechender Ausrüstung. Die übrigen sind örtliche Gesundheitszentren, denen es an guter Einrichtung und professionellen Fachkräften fehlt. In ländlichen Gebieten ist dies die Regel. Daher kommt es hier häufig zu Infektionen unter den Patienten.

 

Als weiteren Aspekt möchte ich Verhaltensfragen hervorheben. In den örtlichen Gemeinschaften beginnen die jungen Mädchen ziemlich früh, sexuell aktiv zu werden. Die Eltern haben auch wenig Gelegenheit, ihre Kinder in Schulen zu schicken und sie auszubilden. Unter diesen Verhältnissen ist die Kommunikation zwischen Eltern und jungen Erwachsenen sehr begrenzt. In einigen Fällen benutzen ältere Männer junge Frauen für wenig Geld zu sexueller Aktivität. Solche Faktoren verstärken die Gefährdung durch HIV.

 

Wer ist Ihrer Meinung nach am stärksten durch HIV gefährdet?

 

Am stärksten gefährdet durch HIV-Infektionen sind Frauen und Jugendliche. In vielen Fällen werden die jungen Mädchen von älteren Männern missbraucht, die gewöhnlich verheiratet sind und Partnerinnen haben.

 

Wie beurteilen Sie die Reaktionen der Kirchen auf die HIV-Pandemie in Angola?

 

Die Kirchen haben für die Gemeinschaften die vernehmbarste Stimme. Jedoch bleibt manchmal eine Kluft zwischen der gesellschaftlich-kulturellen Erfahrung der Frauen und der Verkündigung der Kirche. Wenn die Kirchen bei der Beratung über sicheren Geschlechtsverkehr in der Ehe die Stimmen der Frauen nicht berücksichtigen, führt dies zu einer Verstärkung der Gefährdung durch HIV und AIDS. Für die Kirchen ist es auch wichtig, Initiativen für HIV-Tests für junge Menschen vor der Eheschließung zu unterstützen.

 

Erzählen Sie uns etwas über Ihr Engagement bei der EHAIA

 

Ich arbeite eng mit der EHAIA zusammen, indem ich Workshops zur Fortbildung von Frauen organisiere. In meinem Land erleben wir viele Fälle von sexueller und geschlechtsbezogener Gewalt. Es ist uns klar, dass es vor allem darum geht, gegen die HIV-Pandemie und deren Verbindung mit sexueller und geschlechtsbezogener Gewalt zu kämpfen.

 

Die von EHAIA geförderte Methodik der kontextuellen Bibelarbeit ist besonders geeignet, Frauen und Pfarrerinnen und Pfarrern zu helfen, offen über ihre Probleme zu sprechen und zu versuchen, traumatische Erfahrungen zu überwinden. Bei EHAIA benutzen wir auf Gemeinschaftsebene das „Contextual Bible Study Manual on Gender-Based Violence“ (Handbuch für kontextuelle Bibelarbeit über geschlechtsbezogene Gewalt). Die Rolle der EHAIA besteht darin, die Leitungspersonen zu beeinflussen im Blick auf ihre Vorstellung, wie sie mit der HIV-Pandemie umgehen. Wir ermutigen sie, offen über Sex und Sexualität und deren Auswirkung auf die Gesundheit der Menschen zu sprechen.

 

Wenn die Kirchen in dieser Situation wirklich eine konstruktive Rolle spielen wollen, müssen sie die Pfarrerschaft und die Kirchenleitung für Beratung ausbilden und sich dabei zum Beispiel auf Traumabewältigung konzentrieren und für integrierte Dienste unter Beraterinnen und Beratern und Fachkräften im medizinischen, psychologischen, rechtlichen und anderen Bereichen einsetzen.

 

Wir arbeiten zusammen mit anderen EHAIA-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern in Sub-Sahara-Gebieten Afrikas und in Genf, der Zentrale des ÖRK. Wir arbeiten außerdem zusammen mit Vereinigungen von HIV-Betroffenen, theologischen Institutionen und der subregionalen Gemeinschaft von Kirchenräten im südlichen Afrika.

 

(*) Dr. Marcelo Schneider arbeitet in Porto Alegre/Brasilien für den ÖRK als Verbindungsbeauftragter für Kommunikation in Lateinamerika.

 

Lesen Sie auch:

 

HIV-Gefährdung bleibt eine Herausforderung (ÖRK-Featureartikel vom 6. Juli 2012)

 

Bibelarbeit gegen Unwissen, Angst und Stigmatisierung (ÖRK-Featureartikel vom 9. Dezember 2011)

 

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