HIV-Gefährdung bleibt eine Herausforderung

6.07.12

Calle Almedal. © Roy Carlegard

Calle Almedal aus Schweden befasst sich seit 1982 mit der HIV-Problematik. Er war als ehemaliger Berater der Ökumenischen HIV und AIDS-Initiative in Afrika (EHAIA), einem Projekt des Ökumenischen Rates der Kirchen, aktiv. In einem Interview kommt er auf die Auswirkungen von HIV auf das Gemeinschaftsleben, die Bedeutung  von Sexualerziehung und die Reaktion der Kirchen auf die HIV-Epidemie zu sprechen.

 

Almedal hat eine Ausbildung als Krankenpfleger und war an Projekten verschiedener internationaler Organisationen, wie dem HIV und AIDS-Programm der Vereinten Nationen, Save the Children im Nord-Jemen und dem Norwegischen Roten Kreuz in Mosambik beteiligt.

 

Welche Auswirkungen hat nach Ihrer Erfahrung das HIV angesichts der heutigen Finanzkrise auf die Gemeinschaften?

 

Die Situation in den Gemeinschaften sieht recht düster aus, insbesondere für Personen, die auf Medikamente angewiesen sind. Um nur ein Beispiel zu nehmen: in Madagaskar scheinen die notwendigen Medikamente unauffindbar geworden zu sein. Einige kirchliche Organisationen haben ihre Arbeit mit HIV-Patienten eingestellt, was überaus bedauerlich ist. Sie hätten mehr Beharrungsvermögen zeigen sollen; sie waren dazu berufen, in der nördlichen Hemisphäre für die Bedürfnisse der Menschen im Süden einzutreten. In gewisser Weise finde ich, dass sie ihre Brüder und Schwestern im Stich gelassen haben.

 

Damit will ich jedoch nicht verschweigen, dass es tausende guter Christinnen und Christen gibt, die als Freiwillige oder für eine äußerst geringe Entschädigung im HIV-Bereich tätig sind. Es gibt Kirchen und christliche Organisationen, die ihren Haushalt kritisch durchleuchten, um den nötigen Spielraum für die Weiterarbeit im HIV-Bereich zu sichern. Vor kurzem wurde mir berichtet, dass eine christliche Gemeinde die für den Bau einer Pfeifenorgel angesparte Geldsumme zugunsten eines HIV-Projekts verwendet hat.  

 

Welche Personengruppe ist Ihrer Meinung nach am stärksten HIV-gefährdet, und weshalb?

 

Junge Menschen. Es gelingt uns, tausende von Kindern davor zu bewahren, von Geburt an HIV-Träger zu sein, aber dann lassen wir sie völlig im Stich, weil wir nicht in der Lage sind, ihnen eine angemessene Sexual-Gesundheitserziehung zu geben. Wie sollen wir uns gegen einen durch Geschlechtsverkehr übertragenen Virus schützen, wenn wir nicht über die elementarste Kenntnis der menschlichen Sexualität verfügen?

 

Lassen Sie mich dies in aller Deutlichkeit sagen: Erziehungarbeit im Bereich sexueller Gesundheit führt nicht zu sexueller Promiskuität. Sie dient vielmehr als Instrument zur sinnvollen Lebensgestaltung. In Ortsgemeinden, wo Wert auf Erziehung in sexueller Gesundheit gelegt wird, gibt es weniger unerwünschte Schwangerschaften unter Jugendlichen und weniger sexuell übertragene Infektionen.

 

Die nächstgefährdete Gruppe sind Frauen. Ich glaube, solange die Kirchen den Frauen predigen, sie sollen ihren Männern gehorsam sein, nötigen wir sie zu einem Sklavendasein, dank dessen die Männer nach eigenem Gutdünken über sie verfügen. Zu oft antworten Frauen auf die Frage, was die oberste Priorität in ihrem Leben sei: „meinem Mann gehorsam zu sein”. Nicht Lebensmittel oder der Zugang zu Trinkwasser, nicht das Brennholz, nicht die Schulgebühren sind von höchster Wichtigkeit, sondern der dem Ehemann geschuldete Gehorsam.

 

Wie bewerten Sie die Reaktion der Kirchen auf die HIV-Epidemie?

 

Die Antwort der Kirchen auf das HIV-Problem hat sich mehrfach geändert und dies ist auch heute noch der Fall. Doch generell gesagt, bin ich eher positiv beeindruckt vom Engagement der Kirchen, vor allem derer, die sich mit äußerst schwierigen Fragen befassen. Was mir fehlt, ist eine übergreifende Gesamtverpflichtung der christlichen Ausbildungsstätten. Eine derartige Verpflichtung hätte zweifellos positive Auswirkungen grossen Ausmaßes.

 

Wir sind alle dazu berufen, „Gott im anderen Menschen zu erkennen“ und so die inhärente Würde des Menschen als einer Gabe Gottes anzuerkennen. Wer sich an dieser Würde vergreift begeht ein Verbrechen, denn die Menschenwürde ist kein abstrakter Begriff. Ein Vergehen an der Menschenwürde ist ein Vergehen gegen den Einen, der sie uns verliehen hat. Gott allein steht es zu, zu richten; dies steht nicht in unserer Gewalt. Das sollten wir öfter bedenken.  

 

Wie bewerten Sie die Rolle von Initiativen wie EHAIA?

 

EHAIA ist eines der sich in Afrika im HIV-Bereich am stärksten entwickelnden Instrumente.  EHAIA ist da, wo die Menschen sind. Es ist eine Initiative, die gemeinsam mit den Betroffenen Fragen formuliert, um wiederum gemeinsam mit ihnen Antworten zu finden. EHAIA hört auf die Menschen und lernt von ihnen, in einem gemeinsamen Reflektions- und Studienprozess.

 

Daraus entsteht ein Beratungsprozess unter Einbringung neuer Ideen und Fragestellungen. Diese Initiative greift die schwierigen Probleme bei den Hörnern, ohne ihre neutrale Haltung und Vorurteilslosigkeit aufzugeben. Sie schafft sichere Räume, in denen sich Menschen furchtlos aussprechen können.

 

HIV rührt ja an eine ganze Reihe von Fragen, die für unseren Glauben von zentraler Bedeutung sind: Wahrheit, Versöhnung, Verantwortung, Geschlechtsleben, das Verhältnis von Mann und Frau, sexuelle Gewalt, Theologie, Unterdrückung, Inzest, Gerechtigkeit, Erziehung, Familienleben, Güte, Liebe und so weiter.  EHAIA hat Auswirkungen auf alle Lebensbereiche, mit denen diese Initiative zu tun hat.

 

Unter allen Kontinenten hat Afrika die tiefsten, schmerzhaftesten und umfassendsten Erfahrungen mit HIV gemacht. Wir alle haben viel von Afrika zu lernen. Dieses Projekt ist exportfähig. Es ist auf dem Weg in Richtung Asien und könnte auch für andere Regionen der Welt von Relevanz sein.

 

Warum ist es wichtig, dass die Kirchen sich weiterhin intensiv mit HIV-bezogenen Problemen befassen?

 

HIV rührt an viele zentrale Glaubensfragen sowie an die Frage der Respektierung der Menschenwürde. Wir in der nördlichen Hemisphäre vergessen oft dass die meisten auf der Erde lebenden Menschen einen lebendigen Glauben haben und diesen auch praktizieren. Für die Mehrheit der Menschen ist der religiöse Glaube ein wesentlicher Bestandteil ihres Alltagslebens. Negiert man den Wert der Glaubensfrage im Kontakt mit Menschen, in deren Leben der Glaube eine entscheidende Rolle spielt, hat dies ein respektloses zwischenmenschliches Verhalten zur Folge.  

 

Es geht aber auch um eine Frage der Hoffnung, und allein der Glaube verleiht unserem Dasein seine Hoffnungsdimension in umfassendem Sinn. Es ist gewiss entscheidend, Kirchen und andere religiöse Organisationen mit einzubeziehen, und zwar nicht nur wegen deren Fähigkeit, Menschengruppen zu erreichen; auch nicht, weil wir der Meinung wären, die Leute würden schon befolgen, was der Pastor ihnen predigt. Das tun sie nämlich nicht, und die HIV-Epidemie belegt das. Es geht vielmehr um Respekt und Hoffnung, oder, wenn Sie so wollen, um die Respektierung der Hoffnung.  

 

Weiteres dazu:

 

Addressing the HIV pandemic in South Sudan (ÖRK-Feature vom 1. Juni 2012, auf englisch)

 

Weitere Informationen zu EHAIA