Kirche in Indonesien fordert Gottesdienstfreiheit ein

6.07.12

Die Gemeinde der GKI Taman Yasmin-Kirche hielt ihren Gottesdienst im Freien vor dem Präsidentenpalast in Jakarta ab.

Von Naveen Qayyum (*)

 

Die Feier eines christlichen Gottesdienstes am Rand einer verkehrsreichen Straße in Jakarta ist ein eher ungewöhnliches Schauspiel. Doch der Taman Yasmin-Gemeinde der Indonesischen Christlichen Kirche (GKI) blieb keine andere Wahl.

 

Gemeinsam mit Vertretern anderer Ortskirchen hielt die Taman Yasmin-Gemeinde am 24. Juni ihren Sonntagsgottesdienst  im Freien vor dem Merdeka-Palast, der Residenz des indonesischen Präsidenten Susilo Bambang Yudhoyono, ab. Die Gemeinde sprach ihre Gebete unter dem wachsamen Auge der Polizeibeamten, in der Hoffnung, dass ihr Ruf nach Gottesdienstfreiheit Gehör findet.

 

Die in Bogor, Westjava, beheimatete Taman Yasmin-Gemeinde gehört zu einer Mitgliedskirche des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK). Das halbfertige Kirchengebäude der Gemeinde wurde 2008 durch Beschluss der lokalen Verwaltungsbehörde abgeriegelt. Dieser Akt erfolgte offensichtlich unter dem Druck islamischer Hardlinergruppen wie dem sogenannten Forum des Islamischen Volkes.

 

Trotz eines im Jahr 2011 vom Obersten Gerichtshof zugunsten des Kirchenbaus gefällten Urteils ist die Taman Yasmin-Gemeinde immer noch nicht in der Lage, ihr gottesdienstliches Leben in der eigenen Kirche aufzunehmen.

 

Pastor Dr. Walter Altmann, Moderator des ÖRK-Zentralausschusses, besuchte die Kirche letztes Jahr, um der Taman Yasmin-Gemeinde seine Solidarität zu bekunden, wobei er die Notwendigkeit eines „friedlichen Dialogs” zur Lösung des Streitfalls hervorhob.

 

Mitglieder anderer Ortsgemeinden gesellten sich am Sonntag zur Taman Yasmin-Gemeinde in der Hitze des indonesischen Sommers. Während die Sicherheitskette der Polizei Jakartas die gottesdienstliche Menschenmenge aus angemessener Distanz überwachte, sangen die versammelten Christinnen und Christen ihre Lieder am Rand der Straße und hörten sich die Predigt an.

 

„Indonesien ist eine pluralistische Gesellschaft, die für Werte des harmonischen Zusammenlebens verschiedener Religionen einsteht. Hier respektierten die Muslime immer die lokalen Traditionen sowie die unterschiedlichen Glaubensformen im Land,” sagt Pastor Gomar Gultom, Generalsekretär der Gemeinschaft von Kirchen in Indonesien. Gultom nahm an diesem Gottesdienst teil.

 

Nach seiner Aussage machen Christen in Indonesien rund fünf Prozent der Bevölkerung aus. Weitere Minderheitsreligionen sind  die Gemeinschaften der Ahmadiya, Buddhisten und Baha’i.

 

„Seit Anfang des letzten Jahrzehnts verstärkt sich der Druck radikaler Elemente, die das Christentum fälschlicherweise mit westlichem Einfluss gleichsetzen,“ erklärt Gultom. „Mehrere muslimische Organisationen wie das Wahid-Institut, unsere Partner im interreligiösen Dialog und die Zivilgesellschaft haben auf diesen Trend hingewiesen. Sie unterstützen uns in unserem Einsatz für Religionsfreiheit in Indonesien,“ fügte er hinzu.

 

Auch der Generalsekretär des ÖRK, Pastor Dr. Olav Fykse Tveit, nahm an dem Gottesdienst unter freiem Himmel vor der Residenz des Präsidenten in Jakarta teil. Er bekräftigte seine Unterstützung des Anliegens der indonesischen Kirchen und ihres Rechtes auf ungehinderte Ausübung ihres Glaubens.


Von Gott geschaffen zur Anbetung Gottes

„Wir sind hier versammelt, um allen, die Gott anbeten, seien es Christen, Muslime oder Angehörige anderen Religionen, unseren Beistand zu bekunden. Wir alle sind von Gott geschaffen, um Gott anzubeten. Wir ehren diese tiefe Verbundenheit, die im Herzen jedes Menschen verborgen ist. Als ÖRK unterstützen wir Sie und Ihr Recht, Gott in Ihren Kirchen, Moscheen oder Tempeln anzubeten,” sagte der Generalsekretär.

 

Seit drei Monaten feiert die Gemeinde der Taman Yasmin-Kirche ihre Gottesdienste im Freien vor dem Präsidentenpalast. Vorher hielt sie ihre Versammlungen in den Häusern verschiedener Gemeindemitglieder ab. Die Mitglieder geben zu verstehen, wie mühsam es für sie war, sich mit der räumlichen Entwurzelung abzufinden. Sie müssen auch lernen, mit der Belästigung durch fundamentalistische Gruppen umzugehen.

 

Eva Kusuma Sundari, eine muslimische Parlamentsabgeordnete, nahm an dem Gottesdienst vor dem Präsidentenpalast teil. Sie sagte, ihre Anwesenheit sei ein Zeichen der Unterstützung der Kirchen und anderer religiöser Minderheiten, deren Rechte angemessen geschützt werden müssen. 

 

„Wir sind bemüht, die Verbindung mit allen Glaubensgemeinschaften in Indonesien zu stärken. Wir wollen sicher gehen, dass die Verfassung und Rechtsprechung des Landes die Religionsfreiheit aller Glaubensgemeinschaften garantiert. Es muss zu einem Dialog zwischen Religionsgemeinschaften und staatlichen Instanzen kommen,” sagt Sundari. „Der Demokratisierungsprozess, der in Indonesien angelaufen ist, verlangt von uns friedliche Einsprachen bei den Behörden, um sicher zu stellen, dass unsere Menschrechte geschützt werden,” fügte sie hinzu.  

 

Mitglieder der Ortskirchen, die solidarisch an diesem Sonntagsgottesdienst teilnahmen, bezeugten, dass nicht nur die Taman Yasmin-Kirche Einschüchterungsmassnahmen ausgesetzt sei. Viele andere Kirchgemeinden seien Opfer von Einschüchterung und hätten Angst, für ihre Rechte einzutreten.

 

Pastor Palti Panjaitan von der Filadelfia-Gemeinde der Protestantisch-Christlichen Batak-Kirche (HKBP) teilt diese Ansicht und fordert die Kirchen dringend auf, ihre Besorgnisse den staatlichen Behörden nachdrücklich vorzulegen. Er leitete den Gottesdienst unter freiem Himmel gegenüber dem Präsidentenpalast gemeinsam mit Vertretern anderer Ortskirchen.  

 

„Der Urteilsspruch des Obersten Gerichtshofs zugunsten des Baus der Taman Yasmin-Kirche wurde noch nicht umgesetzt. Deshalb müssen wir fortfahren, dieses Anliegen vor der Regierung zur Sprache zu bringen, bis man unserer Stimme Gehör verleiht,“ sagt Panjaitan.

 

„Unsere Anwaltschaft gilt nicht nur den Christen, sondern ebenso sehr den anderen religiösen Minderheiten, die ähnlichen Formen von Einschüchterung ausgesetzt sind, wenn ihnen nichts Schlimmeres droht. In solchen Situationen hat der Staat die Aufgabe, unsere Rechte zu schützen, statt dem Druck der Radikalen nachzugeben,” fügte Panjaitan hinzu.

 

Zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich nicht absehen, wie lange die Taman Yasmin-Kirche ihre Gottesdienste noch draussen vor dem Präsidentenpalast abhalten wird. Doch angesichts der Unterstützung vonseiten anderer Kirchen und der Zivilgesellschaft hofft die Gemeinde, dass die Regierung ihre Forderungen ernst zu nehmen bereit ist. Die Aktion offenbarte ebenfalls, dass dieser Fall nicht auf die Taman Yasmin-Gemeinde begrenzt ist, sondern dass viele andere Kirchen und religiöse Minderheiten vor dem Einfluss radikaler Gruppen im Lande warnen.

 

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(*) Naveen Qayyum aus Pakistan ist feste Autorin beim ÖRK.

 

WCC moderator expresses solidarity with church in Indonesia (ÖRK-Pressemeldung vom 11. Oktober 2011, auf Englisch)

 

ÖRK-Mitgliedskirchen in Indonesien

 

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