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Junge Muslime, Juden und Christen bekennen sich zum Wert der Vielfalt

Junge Muslime, Juden und Christen bekennen sich zum Wert der Vielfalt

Sarah Abdullah, eine Muslimin aus den USA, und Emmanuel Babatunde Gbogboade, ein nigerianischer Christ, bei einem Kunstprojekt während des interreligiösen Seminars Foto in hoher Auflösung

12. August 2009

Von Emma Halgren (*)

Religiöse Vielfalt ist heute eine unausweichliche Realität – und eine Chance, betonten die Teilnehmenden eines interreligiösen Seminars, das im Juli am Ökumenischen Institut des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Bossey in der Nähe von Genf stattfand.

Der dreiwöchige Kurs zum Thema "Aufbau interreligiöser Gemeinschaft" wurde von jungen Christen, Juden und Muslimen aus aller Welt besucht.

Die Studierenden hörten Referate zum Christentum, Islam und Judentum sowie zu den Beiträgen, die diese Religionen zum Frieden leisten. Die täglichen Morgenandachten wurden abwechselnd von christlichen, jüdischen und muslimischen Teilnehmenden vorbereitet und die Gruppe nahm an Gottesdiensten in einer Genfer Kirche, Synagoge und Moschee teil.

Religion werde so oft als Friedenshindernis angesehen, erklärte Rabbi Delphine Horvilleur, aber Frieden stelle in allen Religionen ein zentrales Thema und eine gute Diskussionsgrundlage für Gespräche über interreligiösen Gemeinschaftsaufbau dar.

Horvilleur, eine von einer Handvoll weiblicher Rabbis in Frankreich, war Gastrednerin während des Seminars.

Sie ermutigte die Teilnehmenden, über die vielen Gegensätze nachzudenken, die das religiöse Leben prägten – wie z.B. ich/der Andere, konservativ/liberal, heilig/profan. Solche Gegensätze machten deutlich, wie wichtig die Frage sei: "Wer ist der Andere?" Horvilleur erklärte, im interreligiösen Dialog über "den Anderen" gebe es zwei entscheidende Gefahren.

"Im interreligiösen Dialog gibt es die beunruhigende Tendenz hin zu der Idee absoluter Übereinstimmung. Es ist der Versuch, alle Positionen einander anzugleichen", betonte sie. "Die Idee, dass es absolut keinen Unterschied zwischen den Religionen gibt, kann eine große Bedrohung darstellen."

Aber sie wies auch auf eine Gefahr am anderen Ende des Spektrums hin: "Die andere am weitesten verbreitete Gefahr liegt in der Vorstellung, dass es nur eine Wahrheit gibt bzw. dass 'meine Wahrheit wahrer ist als deine Wahrheit'". Der Schlüssel zu einem konstruktiven Dialog liege darin, einen Mittelweg zwischen diesen beiden Extremen einzuschlagen.

Wachsende Bedeutung des interreligiösen Dialogs

Pfarrer Bruce Myers, Priester der Anglikanischen Kirche von Kanada und Student im Masterprogramm des Ökumenischen Instituts Bossey, verwies auf die wachsende Bedeutung des interreligiösen Dialogs im kanadischen Kontext.

"Wir sehen uns immer noch gerne als christliches Land und die Statistiken und Volkszählung bestätigen das auch. Aber wir sind und waren schon immer auch ein Einwanderungsland", betonte er.

"Wir nehmen immer mehr neue Kanadier aus Teilen der Welt auf, in denen das Christentum nicht die vorherrschende Religion ist, und wir befinden uns als Land in einem Lernprozess: wie können wir Raum für den Anderen schaffen, Raum für Neuankömmlinge und neue Ausdrucksformen von Religion, und dennoch das bewahren, was wir als kanadische Identität bezeichnen würden?"

Laut Myers gibt es zahlreiche Beispiele für die Relevanz dieser Fragen im politischen Leben, so z.B. die Diskussion, ob eine voll verschleierte Muslimin ihr Gesicht im Wahlbüro freimachen muss um sich auszuweisen, und ob Sikhs, die Mitglieder der Canadian Mounties, der königlichen berittenen Polizei Kanadas, sind, statt des typischen Mountie-Huts einen Turban tragen dürfen.

Myers wies darauf hin, dass es im modernen Christentum häufig eine Spannung zwischen der klassischen Ökumene und der wachsenden Notwendigkeit eines interreligiösen Dialogs gebe.

"Die Ökumene – also die Stärkung der Beziehungen zwischen Christen und der Abbau der zwischenkirchlichen Spaltungen - ist seit jeher meine Leidenschaft", sagte er. "Aber das ist im 21. Jahrhundert, insbesondere im Kanada des 21. Jahrhunderts, nicht genug. Wir müssen über den ökumenischen Rahmen hinausgehen und interreligiöse Gespräche führen."

Jessica Sacks, eine orthodoxe Jüdin aus Jerusalem, erklärte, sie erlebe regelmäßig aus eigener Anschauung, wie religiöse Unterschiede zu Spaltungen führten.

"Ich komme aus einer Stadt, in der man es sich nicht leisten kann, keinen interreligiösen Dialog zu führen; einer Stadt, in der ich in sehr enger Nachbarschaft mit Menschen lebe, die eine andere Sprache sprechen und den Ort, an dem wir leben, völlig anders interpretieren", berichtete Sacks.

Als Studentin der Hebräischen Universität in Jerusalem war sie Mitglied einer Gruppe muslimischer und jüdischer Studentinnen, die regelmäßig zusammenkamen, um über ihre beiden Religionen zu diskutieren und voneinander zu lernen. Auch wenn diese Gruppe nur geringe Wirkung gehabt habe, so sei sie doch ein wichtiger Ausgangspunkt gewesen, betonte sie.

"Für uns war das, was wir gemacht haben, wichtig und wir haben Freundschaften geschlossen. Veränderungen werden möglich sein, wenn wir alle in unseren eigenen Gemeinschaften aktiv werden und versuchen, sie ein bisschen mehr zu öffnen."

Religiöser Pluralismus ist eine Realität

Lubna Alzaroo, Anglistikstudentin an der Universität von Bethlehem, erklärte, der Kurs habe ihr die Augen für die Realität des religiösen Pluralismus in der heutigen Welt geöffnet – und ihr geholfen, dies als Wert zu erkennen.

"Es gibt viele Wahrheiten und meine Wahrheit muss nicht dieselbe sein wie die Wahrheit eines anderen Menschen, aber das ist in Ordnung", meinte sie. "Es ist gut, wenn Menschen unterschiedlich sind, denn darauf baut die Gesellschaft auf – auf der Vielfalt und den Unterschieden zwischen Menschen."

Alzaroo war eine von zehn Muslimen, die aus so unterschiedlichen Ländern wie Rumänien, Indonesien und den Philippinen kamen. Eine weitere Teilnehmerin, Sarah Abdullah, lebt in einem 600-Seelen-Dorf in Südcarolina (USA), in dem sie und ihre Mutter die einzigen Muslime sind.

"Es ist eine vorwiegend christliche Kultur", sagte sie. "Ich glaube, der interreligiöse Dialog ist für diese Gegend sehr wichtig. Als ich dorthin gezogen bin, waren die Leute schockiert und verstanden nicht, wer ich war und woher ich kam."

Abdullah erklärte, das, was sie im Kurs gelernt habe, werde ihr nach ihrer Rückkehr helfen, mit den Menschen in ihrem Dorf ins Gespräch zu kommen.

"Ich habe viel über das Christentum gelernt, was ich bisher nicht wusste, obwohl ich den größten Teil meines Lebens in einem christlichen Land verbracht habe", sagte sie. "Es hat meinen Horizont erweitert – es hat mir geholfen, über die Welt jenseits der USA nachzudenken. Jetzt, wo ich das Christentum besser verstehe, kann ich auch bessere Beziehungen zu den Christen in meiner Nachbarschaft herstellen."

(*) Emma Halgren, Praktikantin in der ÖRK-Kommunikationsabteilung, ist Mitglied der Unionskirche in Australien.

ÖRK-Programm für interreligiösen Dialog und interreligiöse Zusammenarbeit

Ökumenisches Institut Bossey

Audioaufnahmen des Interviews mit Bruce Myers, Priester der Anglikanischen Kirche von Kanada und Student im Masterprogramm des Ökumenischen Instituts Bossey (auf Englisch):

Audioaufnahmen des Interviews mit Sarah Abdullah, muslimische Studentin aus den USA (auf Englisch):

Audioaufnahmen des Interviews mit Jessica Sacks, einer in Großbritannien aufgewachsenen, in Jerusalem lebenden Jüdin (auf Englisch):